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Beitrag über Lärm in der Newsgroup
de.etc.selbsthilfe.gehoer
vom 24.11.2001 von Tobias Kienle
(mit freundlicher Genehmigung des Autors)
Hallo!
... schrieb:
> Vor allem den letzten Absatz betreffend würde mich interessieren, ob
> jemand hier einen Link (oder deren mehrere) angeben kann, wo man
> detailliertere Informationen pro und contra diese These nachlesen kann.
Ich habe vor einiger Zeit einen Vortrag des Lärmforschers Prof.
Gerald Fleischer (Uni Gießen) gehört. Er betont, man müsse zwei
Phänomene trennen:
(1) der physisch schädigende Lärm:
Er tritt auf, wenn der physikalische Schalldruck einen bestimmten
Pegel überschreitet; dabei kann sowohl ein kurzer, heftiger Knall
als auch das längere Einwirken eines hohen Schallpegels das Gehör
physisch schädigen. Ausschlaggebend hierfür ist wie gesagt im
wesentlichen der Schallpegel.
(2) der psychische Lärm:
Er hängt nicht vom Schallpegel ab, sondern von einer Vielzahl
Faktoren, und zwar vor allem der psychischen Einstellung des
Einzelnen zur Lärmursache. Der Besitzer eines frisierten Mopeds z.B.
findet den "Lärm", den sein Gefährt verursacht, ganz toll, während
Anwohner und Passanten diesen i.d.R. als störenden Lärm empfinden.
Dass der psychische Lärm nicht direkt von der physischen Lautstärke
abhängt, zeigt das Beispiel der Meeresbrandung: Dort ist der
Schallpegel oft höher als am Rand einer Autobahn - trotzdem wird die
Meeresbrandung von den allermeisten Menschen als Ruhe empfunden,
nicht aber der Autobahnlärm. Umgekehrt kann auch das leiseste
Tropfen eines Wasserhahns als nervender Lärm empfunden werden.
Die Schädigung, die (2) verursacht, ist psychischer Stress, als
Langzeitfolgen sind z.B. Herz-Kreislauf-Erkrankungen zu nennen.
(Studien mit Anwohnern von Hauptverkehrsstraßen legen einen
Zusammenhang mit solchen Krankheiten zumindest sehr nahe.) Ich kann
mich nicht erinnern, ob Fleischer auch was zu Tinni/Hörsturz als
möglicher Folge gesagt hat - ich denke aber, das liegt nahe.
Das Problem an Discos etc. ist nun, dass hier die Leute eine
psychisch positive Einstellung zur Schallquelle haben und es deshalb
meist gar nicht merken, wenn der physisch erträgliche Pegel
überschritten wird.
> Ich hatte neulich mal aufgeschnappt, dass die Vermutung, dass laute
> Disco-Musik das Gehör schädigt, gar nicht belegbar sei. Vielmehr sei
> die Gesamtlautstärke unserer Umgebung im allgemeinen schuld. Von
> Extremen einmal abgesehen, würden Lautheitserlebnisse in der Disco
> o.ä. eben nicht die bisher vermuteten Schädigungen hervorrufen.
> Statt dessen ist der ständige Geräuschteppich in unserer modernen
> Umwelt schuld am insgesamt abnehmenden gehör.
Nach Fleischer schädigt also sowohl das eine, als auch das andere.
Seine Studien zeigen wohl ganz klar, dass z.B. das Gehör aktiver
Musiker ab einem Alter von ca. 40 Jahren rapide abwärts geht und die
Hörfähigkeit dieser untersuchten Gruppe deutlich schlechter ist als
das einer Vergleichsgruppe.
Fleischer setzt sich übrigens - jetzt wird's gesellschaftsrelevant -
für eine "akustische Ökologie" ein und kämpft seit Jahren auch
gegen
das falsche Lärmverständnis an, das den Verordnungen und Grenzwerten
zum Lärmschutz zugrunde liegt.
Eine knappe allgemeinverständliche Zusammenfassung habe ich im Web
gefunden unter:
http://141.50.39.26/ag-hoerforschung/de/ruhe.html
Viele Grüße,
Tobias
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