Aus einem tlw. privaten Schriftverkehr zwischen zwei DTL-Forumsmitgliedern zusammengefasst
(mit Genehmigung der Schreiber):

Kuraufenthalt-Erfahrungsbericht
(08/2001)

Gerade bin ich von 5 Wochen selbstgewählter "Festungshaft" aus Bad Arolsen zurückgekehrt. Meine Fluchtversuche nach 4 Tagen Daseins und einer erheblichen Verschlechterung meines Tinnituserlebens habe ich nach Rücksprache mit meiner Familie aufgegeben und die Sache mit zunehmendem Erfolg und hinreichenden Selbsterfahrungen ordentlich durchgestanden.

Mit der sogenannten Focusingtechnik habe ich in Arolsen gelernt, dass ich vor der Angst (die oftmals die Angst vor der Angst war und nicht vor dem T.) nicht mehr weglaufen muss, diese nicht mehr hastig wegatmen muss.

Ganz entspannt lasse ich von 3 Dingen 2 sein und besuche meinen Körper und seine Angstregion im Bauch wie einen guten Freund.

Ich beobachte nur und werte nicht.
Und ich erlebe bei einer treffenden Beschreibung des Gefühls im Bauch ein wohliges Erleichterungsgefühl. (Shift)

Sehr zu empfehlen das Buch hierzu:
Focusing, Selbsthilfe bei der Lösung persönlicher Probleme von Eugene T. Gendlin. Ein Sachbuch von rororo.

Was wir gelernt haben, z. B. den Tinnitus, können wir auch wieder verlernen, war ein einfacher und bemerkenswertwerter Satz des Psychologen Eschler in Bad Arolsen, der selbst schwerhörig ist und Tinnitus hat.

 

Antwort:

Du wirst dort sicher gehört haben, dass die geballte Information und das ständige Reden über den Tinnitus ganz sicher in den ersten Tagen eine Verstärkung des T. bewirkt, was vielleicht manchen verunsichert.

Antwort (privat):

> freut mich, das Du wieder unter den "Lebenden" weilst und
> die "Festungshaft" in Arolsen überstanden hast. Und es freut
> mich, dass es Dir geholfen hat.

 

Es hat mir in Dingen geholfen, die ich eigentlich überwunden glaubte: bei der Angstüberwindung.

Das war schon ein Schock für mich nach den ersten Unwohlgefühlen (kein adäquater Gesprächspartner zu sehen, kein Tennisspieler da, viele Leute um die 60, das Alleinsein weg von der Familie, die mich nicht stresst, was bei vielen anders ist), dass die Angst wiederkommt, die Geräusche lauter wurden und Konflikte mit Therapeuten auch noch dazukamen.

Da war ich so kaputt, dass ich ernsthaft abreisen wollte. (Ein bekanntes Syndrom).

Ich ließ mir dann sofort 2 Einzeltermine pro Woche bei dem Psychologen geben.

Weitere Stressoren, die mich ins Loch brachten, waren eine sehr schlechte Terminplanung. Wir hatten jeden Tag 2 Stunden vormittags und 2 Stunden nachmittags Absehtraining und Gebärdensprache. Wir waren ständig erschöpft.

Schwerhörige verbrauchen sehr viel Energie beim Zuhören, die beim Konzentrieren natürlich fehlt.

Diesen Anfängerfehler wird man in Zukunft in Arolsen aber nicht mehr machen und die Termine weiter verteilen.

Sport fehlte 4 Wochen ganz.
Da half mein Faltfahrrad, dank Deiner Empfehlung, und manchmal das Auto.

Bereits in der zweiten Psychositzung mit dem noch jungen Therapeuten Pollmann kamen wir zur Sache: Das offensichtliche immer noch nicht ganz verarbeitete Urerlebnis vor 2 1/2 Jahren, als ich den wahnsinnigen Pfeifterror wochenlang nicht bändigen konnte, lässt die Ängste wieder hochkommen.

Dazu die Erinnerung z.B. an meine Kinder (damals 13 und 16), die extra für mich Kassetten mit Liedern aufgenommen hatten, um mir zu helfen und doch nicht konnten.
Da habe ich mich erst mal ausgeheult und mich viel besser gefühlt.

 

Dann kam die Empfehlung für das Focusing-Buch, das mich beim Lesen schon entspannt hatte und eine Aussprache mit anderen Therapeuten, mit denen ich aneckte.

Meine schlechten Gefühle habe ich dort mit einer ganzen Reihe von Maßnahmen bekämpft:

1. Ich ging auf wildfremde im Park meditierende Mitpatienten zu und fragte diese zu Ihren Erfahrungen in der Klinik. Hieraus lernte ich viel, auch das, dass das psychische Loch normal ist.

2. Ich ging auf die 60-jährigen am Tisch zu und fragte, was sie den am Abend machen. Und siehe da, sie nahmen mich mit, akzeptierten mich und ich sie und wir wurden ein tolles Team.

3. Patienten (nicht alle, es gibt auch viele Einzelgänger) machen mindestens 40% der Therapiearbeit, indem sie die Neuen aufbauen.

4. Die erlebte Solidarität in unserer nach außen offenen Gruppe war Sozialtraining pur. "Standesunterschiede" wurden gar nicht beachtet und beim Kegeln und Bierwandern konnte man Witze aus dem Rheinland, Hamburg, Berlin und anderswo hören und sich der Lachtherapie voll und ganz hingeben.

Eins möchte ich noch hinzufügen:
Mit der sogenannten Focusingtechnik habe ich in Arolsen gelernt, dass ich vor der Angst (die oftmals die Angst vor der Angst war und nicht vor dem T.) nicht mehr weglaufen muss, diese nicht mehr hastig wegatmen muss.

Ich war nur 5 Wochen da, die letzte haben wir uns gemeinsam geschenkt. 5 Wochen hatte ich bis dato noch nie an einem Stück gekurlaubt.

> Aber wurmt es Dich nicht doch ein wenig, wenn Du von den 
> 3 geplanten Dingen "nur" 2 schaffst, oder hast Du schon
> gelernt, Dich für die "nur" 2 Dinge zu loben?
> Ich war damals froh, von 3 Dingen wenigstens 1 zu schaffen.

Diesen Tipp: von drei Dingen zwei sein lassen, hat mir ein Berliner Dozent einer Verwaltungshochschule gegeben, der nach seiner Frühpensionierung die Gelassenheit selbst ist.

Ich lasse die anderen zwei Dinge nur für den Moment sein, lege sie in eine Schublade > und sage ihnen, jetzt ist eure Zeit nicht.

Ich erledige sie später.

>> Bad Arolsen...

> Schätze, die müssen dort bald erweitern...

Glaube ich nicht. Viele sind auch unzufrieden, weil sie Erfahrungen selber machen müssen. Die hätten gern alles vorgekaut mit Empfehlungen für ihr neues Leben.

> Der Sprung von der bekannten Wohnzimmeratmosphäre mit
> idealen Vorsätzen ins alte Leben zurück, wie fiel bzw. fällt er
> bei Dir aus? Das ist nach solchen Phasen immer eine
> interessante Frage.

Ich habe mich auf das Leben zu Hause gefreut und war auch zwei Wochenenden mit Besuchserlaubnis während der Reha zu Hause. An den Sonntagen besuchte mich meine Frau. Das war alles sehr schön.

Die Wochenenden sind nicht so gut zu verdauen, da viele Besuch haben und man sich im Nichtbesuchsfall schon etwas beeinträchtig fühlen kann.

Bisher komme ich ganz gut zurecht.
Ich stelle bei anderen Leuten deren große Nervosität fest, die ansteckend wirkt.
Da lasse ich gleich Arolsen wirken.

Ergänzung:

Der große Vorteil von Arolsen gegenüber anderen Kliniken ist die ausreichende Zahl von Psychologen, die dort fest arbeiten. Geradezu hervorragend ist der Tai-Chi-Lehrer Auerbach.

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