Bericht vom Symposium der Tinnitus-Klinik in Bad Arolsen 9/2001
von Friedemann Oertel

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Von mir (F. Oertel) veröffentlicht im Internet-Forum der DTL

Betreff: DTL-L: Arolser Symposium, Noiser, LL, SMT
Datum: Tue, 25 Sep 2001 01:57:56 +0200
Von: F.Oertel.BGD@t-online.de (Friedemann Oertel)
Rückantwort: dtl-l@tinnitus-liga.de
An: Multiple recipients of list dtl-l <dtl-l@tinnitus-liga.de>

Hallo an Alle!

Anbei nach dem kurzen Überfliegen von ca. 120 Mails mal ein "kurzer",
informativer Rundumschlag zu:

- Symposium in Arolsen 22./23.9.2001:

- Noiser

- LLL-Therapie mit Softlaser und der

- SMT (Sauerstoffmehrschritttherapie).

 

Arolser Symposium 22./23.9.2001:                  zum Seitenanfang

Vorträge:
Ich betrachte die folgenden Abschnitte mal vor allem unter meinem
Interessenschwerpunkt chronisch-dekompensierter Tinnitus.

Es gab dazu Vorträge u.a. von Prof. Dr. M. Michel, Köln mit hochinteressanten Bildern, auch Mikroskopaufnahmen lebender Hörzellen und deren Reaktion auf Schall. Ansonsten wurde der Tinnitus mit seiner Entstehung und die Zentralisierung gut erklärt und weiter in Bezug auf Ansatzpunkte der Therapie von Dr. Schaaf und Dr. Hesse u. a. auch für Nicht-Tinnies sehr anschaulich erläutert. Parallel gab es dann noch eine Veranstaltung für MM, die von Dr. Schaaf und der KIMM (Morbus Meniere-SHG) initiiert wurde.

Nun ein sehr kurzes Fazit zum heutigen Stande der Medizin bezgl. chron. Tinnitus:

a) Am Anfang steht eine ordentliche Diagnose! 

b) Dann folgt der Versuch mit Medikamenten und Therapie die Chronifizierung des T. zu verhindern.

c) Wenn er dann bei einem Teil der Patienten chronifiziert ist, halfen bei allen bisherigen Erfahrungen viele im DTL-Forum oft angefragte Methoden nachweislich NICHT!!!

Es gilt in der Folge vor allem eine Linderung des Tinnitusleidens und ein besseres Zurechtkommen des Patienten mit den Beschwerden zu erreichen.
Vor allem ergab sich die Erfolglosigkeit für eine Reihe von wohlweislich nicht wissenschaftlich getesteten, aber dafür teuren Methoden.

Hier fehlten bisher einfach die Doppelblindstudien. Mir scheint, dass da eine gewaltige Geschäftemacherei gewisser unseriöser Anbieter irgendwelcher sinnloser Methoden läuft.

Erst recht schade, wenn sich Akutpatienten darauf einlassen und das zeitlich kurze Behandlungsfenster zur Vermeidung des chronischen Tinnitus schlicht verpassen und dann mit einer chronischen Krankheit jahrelang zu kämpfen haben. Darin liegt neben der Geschäftemacherei die eigentliche Gefahr, die von unseriösen Methoden ausgeht! (m. E.)

Als nachweislich nicht hilfreich zur Beseitigung des nicht chronischen Tinnitus wurden alle Medikamente genannt, die entweder lt. verschiedener Untersuchungen keine Wirkung entfalten (dazu ein Vortrag über eine Studie mit Gingko: Placebowirkung und Wirkung lagen beide bei etwa nur 9%, allerdings gehen die Ausgaben der Verschreibungen in dreistellige Millionenbeträge pro Jahr!!! Was könnte man damit für die Forschung tun!!!) oder nur während der Zeit der Einnahme wirksam sind (z. B. Lidocain, aber auch wieder nur in bestimmten Fällen bei bestimmten Tinnitusursachen und Ausprägungen und bei Dauerinjektion ins Innenohr). Als Problem der Medikation wurde genannt, dass nicht lokal IN das Ohr injizierte Medikamente kaum im Innenohr ankommen, da sich ein großer Teil im Körper verteilt und dort alle möglichen Nebenwirkungen entfalten kann, während das nur kaffeebohnengroße Innenohr mangels direkter Durchblutung (wir würden sonnst den Donnerhall des eigenen Pulsschlags abbekommen) fast nichts abbekommt.

Die Kliniken würden zwar von allen möglichen Herstellern umworben, die für teures Geld alle möglichen Geräte anböten, aber eine testweise Überlassung oder eine vernünftige Untersuchung (nicht nur herstellereigene Berichte über einige, wenige, ausgesuchte(!) Patienten, die natürlich alle tolle Heilergebnisse haben....) würde meist abgelehnt.

Genannt wurden hier als nachweislich nicht wirksame Apparateverfahren die Magnet- und Wechselmagnetfeldanwendung (Handy ist billiger ;-), kleiner Scherz), die Low-Level-Laser-Therapie und die Biomentaltherapie. Bei der HBO-Behandlung in der Druckkammer wurde über zwei schwerwiegende Unfälle in Hannover und Bremen berichtet.

Also deckte sich, was hier gesagt wurde mit dem Inhalt der m. E. sehr vernünftigen und m. E. hochinteressanten Metaanalyse aus vielen Untersuchungen, eine Doktorarbeit, die vom "deutschen Kollegium für psychosomatische Medizin" ausgezeichnet wurde und die alle bekannten und vernünftig auswertbaren, wissenschaftlichen Tinnitusstudien erfasste: http://www.aerzteblatt.de/archiv/artikel.asp?id=28647 

Dies bestätigt m. E. das teilweise schon bestehende Konzept der gemischten Anwendung von tinni-erfahrenem HNO mit fundierten Untersuchungen nach traditionellen Methoden, von Retraining mit Hörtraining und Entspannungstechniken und evtl. Rauscher, von psychotherapeutischer Unterstützung (auch wenn das viele erst mal nicht hören wollen!). So wird es ja von einigen Kliniken und Praxen bereits länger erfolgreich angeboten.

Hochinteressant: Die meisten Placebos (also verabreichte, bewusst unwirksamen Mittel) hatten eine gewissezum Teil erhebliche Grundwirkung, was zeigt, welche Wirkung die Überzeugung, dass dieses (eigentlich unwirksame) Mittel hilft, doch auf gewisse Menschen hat. Ein Grund mehr, über die Psyche und auch den Einsatz von Psychologen nachzudenken.

Ausblick: Mit einem wirksamen Medikament gegen Tinnitus kann man aufgrund der bisher laufenden Forschungen vielleicht in frühestens 5 Jahren rechnen. Interessant ist hier vor allem die Forschung im Bereich der Gentechnik. Warum herkömmliche Medikamente weitgehendst unwirksam sind, habe ich bereits oben beschrieben, es liegt zusätzlich auch in der Tatsache begründet, dass eben die Behandlung vieler verschiedener Tinnitusursachen viele verschiedene Ansätze benötigt, was ein einziges Mittel nicht leisten kann.

 

Noiser                  zum Seitenanfang

Hierzu wurde hier (gemeint ist das DTL-Forum) eigentlich schon genug geschrieben. Mein Eindruck: Ich benutze die kleinen Sanus-Rauscher (Bohne in der Ohrfalte) auch beim Einschlafen, wenn der Tinni wieder mal heftig pfeift. Das kleine, bohnenförmige Gerät drückt nicht, stört dann Nicht-Alleinschläfer weniger als ein Rauschgerät auf dem Nachttisch (Wo blieben hier die Proteste der "Elektrosmogianer"?). Die jetzigen Sanus-Noiser lassen sich im leisen Bereich feiner einstellen als meine vorherigen Geräte (und brauchen weniger Batterien).

Ersteres ist deshalb wichtig, da das Rauschen ja etwas leiser sein soll als der bei mir in der Lautstärke sehr stark schwankende Tinni. Tragezeit 4 - 8 h, mittlerweile vergesse ich schon, sie aus dem Ohr zu nehmen, so habe ich mich daran gewöhnt, allerdings daher auch schon mal verloren :-(.

Da der Gehörgang, abgesehen von dem kleinen Schlauch, frei bleibt, ist die Verständigung mit den Mitmenschen gut. Auch setze ich sie in belastenden Zeiten eben öfter und länger ein und empfinde das wesentlich angenehmer, wenn mein Hochtonpfeifen nun mit einem sanftem Rauschen umspült wird. 

Noch eine Anmerkung für Schwerhörige: Es gibt heute durchaus Hörgeräte (Siemens u. a.) mit eingebauten Rauscher. Also ein Kombigerät.


Low-Level-Laser-Therapie:                  zum Seitenanfang

Das zugrunde liegende physikalische(!) Konzept (siehe die gut gemachte Webseite) ist verblüffend einleuchtend und die Therapie wurde von Dr. Wilden in Bad Füssing auf eine intensivere Bestrahlung umgestellt. Hierzu und zu einer Auswertung von ausgesuchten Patientenbögen wurde hier (im DTL-Forum) berichtet.

Allerdings gibt es meines Wissens keine neutrale, wissenschaftliche Untersuchung z. B. an einer dt. Uni, die überhaupt eine Wirksamkeit seines Verfahrens belegt. Die Kosten sind recht beachtlich, das Verfahren muss evtl. öfters wiederholt werden.

Einige Profs in D. haben sich mit niederschmetternden Urteilen zur Wirksamkeit geäußert und die Kassen sowie die Beihilfe erstatten absolut nichts. Die Zitate von der vergleichsweisen Wirksamkeit einer Ferkellampe sind hier wohl hinlänglich bekannt.

Prof. Michel bezweifelt, dass das Laserlicht überhaupt durch Trommelfell und diverse Häute bzw. Knochen überhaupt an die richtige Stelle im Innenohr kommt. Ich meine als Halb-Physiker, dass die Theorie etwas humpelt, wenn die genau berechnete Frequenz des roten Laserlichtes beim Durchgang durch gewisse Körperteile überhaupt noch die exakte Frequenz haben kann. So erhält man mit eine Weißlichtlampe kein weißes Licht, wenn es erst durch einen grünen Lampenschirm dringen muss. Dagegen hilft auch m. E. nicht eine stärkere (Laser-)Lampe. Dr. Wilden bemüht sich mit Schreiben an seine Patienten (Bitte um Appell an die Krankenkassen, seine revidierte Therapie anzuerkennen) um eine Änderung der Erstattungsregelung der Kassen. Das einfachste wäre es, wenn er sich um eine kontrollierte, anerkannte Untersuchung nicht ausgesuchter Patienten bemühen würde.

 

Sauerstoffmehrschritttherapie von Prof. Ardenne            zum Seitenanfang

Sauerstoff ist in jedem Fall gut für das Allgemeinempfinden, egal ob man ihn im Wald beim Joggen einatmet, beim Bronchialarzt evtl. noch mit Salz angereichert inhaliert oder bei HBO oder SMT erhält.

Das an sich hervorragende Institut von Dr. Ardenne hat mit unkonventionellen und fast genialen technischen Forschungen und auch Therapien in den letzten Jahrzehnten auf sich aufmerksam gemacht. Zu DDR-Zeiten war Prof. Ardenne ein geschätzter Devisenbringer mit "gehobenem Lebensstil" und vielen Freiheiten. Mich hat vor allem seine Anti-Krebs-Methode mit der kontrollierten Langzeit-Überhitzung des ganzen Körpers fasziniert, bei der Krebszellen vermehrt absterben.

Im Bereich Tinnitus hat sich keine Wirksamkeit seiner SMT gezeigt, die über die das Allgemeinbefinden steigernde Wirkung des Sauerstoffs hinausgehen. Lt. Prof. Michel wird diese Methode kaum noch oder gar nicht mehr angewandt. Wenn man schon mit Sauerstoff (Durchblutungstheorie) etwas im Sinn hat, wäre die Methode mit dem HBO-Verfahren besser geeignet, da sich nur hier deutlich mehr Sauerstoffgas im Blut löst. Wir kennen das Prinzip von der Sprudelflasche. Unter Druck enthält sie viel CO2, öffnet man sie, entweicht (ohne Druck) das Gas zischend. Allerdings: Man kann nur hoffen, dass der Sauerstoff bei HBO dann auch wirklich durch die Kapillaren und Zellwände an die richtige Stelle des nur Kaffeebohnengroßen Innenohrs gelangt. Hier spielen die evtl. vorhandene Dickflüssigkeit des Blutes (rote Blutkörperchen!) und erhöhte Blutfettwerte eine negative Rolle, sodass der im Blut physikalisch gebundene Sauerstoff evtl. gar nicht durch die Kapillargefäße um das Innenohr gelangt, und erst recht nicht durch die Zellwände dorthin diffundiert, wo er wirken soll. S. o. Bei verstopften Kapillaren (sind vereinfacht so etwas wie sehr enge Sackgassen) um das Innenohr herum pendelt das Blut recht wirkungslos nur in den Kapillaren hin und her.

Zusätzlich zur Druckkammerbehandlung bekommt mancher daher durchblutungsfördernde / blutverdünnende Mittel (Trental, HEAS, Aequamen...)

Vermutlich von daher versteht sich die Bedeutung von gesunder Ernährung und ausreichendem Trinken bei Tinnies (weniger Blutfette) und auch die Wirksamkeit von sportlicher Betätigung (bessere Blutbewegung bis in die feinsten Kapillaren).

Übrigens: Die CHEMISCH im Blut an die roten Blutkörperchen gebundene Menge Sauerstoff wird durch die unterschiedlichsten Verfahren in KEINEM Fall erhöht, auch nicht durch HBO!

Ich kann mich in diesem Zusammenhang an eine Pilotstudie an der Uniklinik in München Anfang 2000 erinnern, bei der das Blut von Trigliceriden gereinigt wurde, das ist aber extrem aufwändig und sehr teuer und half angeblich nur bei frischem Hörsturz und hohen Blutfettwerten. (Diese Aussage mal ohne Gewähr!).

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Ich hoffe, mit meinen Informationen nicht wieder eine Menge Tinnitianer deprimiert zu haben...
Es gibt doch wirklich noch genügend gute Konzepte gegen den Tinnitus - oder sollte ich besser sagen: ... um mit dem Tinnitus möglichst wenig belastet zu leben.

Schöne Grüße

Friedemann

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