Ein Erfahrungsbericht als Antwort auf eine Anfrage in der DTL-Liste:
| Hallo M.,
ich gehe jetzt mal das Risiko ein, mich ein wenig unbeliebt zu machen, aber: ich halte solche Varianten wie HWS in der Disco verrenkt und daher den Tinnitus für wenig wahrscheinlich. im Gegenteil, ich tippe trotz allem darauf, dass es einfach zu laut war. ein Freund von mir hatte ein ähnliches Erlebnis (Tinnitus in der Disco, dort aber aus dem Grunde, dass der DJ mit dem Mikro an den Lautsprecher gekommen war und es dadurch eine extrem laute Rückkopplung gab). derjenige ist den Tinnitus übrigens wieder losgeworden, allerdings nach ca. 1 Jahr erst. dass ist auch der einzig mir bekannte Fall von Spontanheilung. eines musste auch er zunächst lernen: mit dem Tinnitus umgehen. und da sind die Tipps, die du hier von den anderen schon bekommen hast, vollkommen in Ordnung. Kurz zu mir, damit du nicht meinst, ich weiß nicht, wovon ich rede: bin selbst 24, taub auf dem linken Ohr und habe auf dem rechten Ohr seit vielen Jahren Tinnitus. den habe ich mir vor 2 Jahren zu Silvester noch ordentlich verstärkt. Ich habe zu diesem Zeitpunkt die komplette Phase - die du jetzt erlebst - komplett neu durchmachen müssen. Da gab's Nächte, in denen ich schweißgebadet aufgewacht bin und immer wieder Stunden, in denen ich sehr verzweifelt war. Ich bin zu vielen Ärzten gerannt, habe von stationärer Behandlung (Infusionen) bis Sauerstoffkuren nun auch einiges mitgemacht. Ebenfalls habe ich natürlich meine HWS untersuchen lassen, selbst meine Weisheitszähne (zugegeben, die mussten eh raus, das hätte ich aber so vermutlich nie gemacht. Da aber auch Weisheitszähne am Tinnitus schuld sein können, habe ich mich selbst auf diesen kleine Möglichkeit gestürzt) ziehen lassen. Ist in der ersten Phase, nachdem man sich einen Tinnitus eingefangen hat, aber vollkommen normal. Es hat im Endeffekt nix gebracht, außer der Erkenntnis, sich damit arrangieren zu müssen. Es dauert (meines Erachtens) leider relativ lang, bis man sich mit dem Tinnitus einigermaßen "angefreundet" hat (bei Bekannten und mir so ca. 5 Monate). Ich bin in den letzten 1 1/2 Jahren wieder wesentlich ruhiger geworden. man kann lernen, den Tinnitus gut zu überhören, gerade am Tag stellt dies kaum ein Problem dar. Nachts habe ich (und zum Glück hat auch meine Freundin kein Problem damit) ein angenehmes Rauschen durch einen im Schlafzimmer aufgestellten Lüfter eher im Ohr. Dadurch wird der Tinnitus fast unhörbar. Eines muss ich allerdings zugeben: ich vermisse sehr stark die Ruhe (bspw. wenn ich mal was lesen will). Ich habe in der Phase (in der ich mich mit dem Tinnitus arrangieren lernen musste) meine Diplomarbeit angefangen zu schreiben. Wer so etwas hinter sich hat, weiß, dass dabei viel gelesen wird. Dazu finde ich bisher so gut wie keine Ruhe. ebenfalls nervend ist es, dass man an stillen Orten (seien es bspw. Bibliotheken, aber selbst Wälder) den Tinnitus doch wahr nimmt, ohne dass man es wirklich möchte. Um dir etwas Mut für dein Abitur zu machen: ich habe (trotz Tinnitus) mein Diplom mit 1 abgeschlossen ;-) Du solltest eines allen hier glauben (die still mitlesen oder auch antworten): sie können dich sehr gut verstehen. Fast jeder hat dieselbe Phase wie deine aktuelle durch, und wir sind alle durchgekommen :) Die meisten hoffen immer noch darauf, dass man den Tinnitus irgendwie wieder los wird, aber so schnell wird das nicht gehen. damit meine ich natürlich nicht, dass es überhaupt nicht gehen wird, aber du wirst dafür Zeit brauchen. es gibt derzeit keine Allheilmittel dafür, im Gegenteil es gibt unzählige Möglichkeiten dafür, warum ein Tinnitus auch in Erscheinung getreten ist. Entsprechend vielfältig sind auch die Behandlungsvarianten. demnächst will ich mich mal mit der Retraining-Therapie auseinander setzen. Ich weiß nicht, ob das so einen Sinn hat, da ich mich sowieso schon ganz gut mit meinem Tinnitus "angefreundet" habe, aber einen Versuch ist es wert. Ich halte übrigens die Einteilung in akuten und chronischen Tinnitus in dem Sinne für Blödsinn. Dass die Heilungschancen nach einem Monat besser sein sollen als nach 3 Monaten kann, ich mir so kaum vorstellen. Ich kenne persönlich auch niemanden, bei dem der akute Tinnitus nicht in einen chronischen umgeschlagen wäre. Meine Meinung wird durch meine HNO-Ärzte auch so in etwa geteilt. Natürlich werden diese immer versuchen, einen akuten Tinnitus mit Infusionstherapie etc. zu beseitigen, so wahnsinnig hoch sind die Erfolgschancen dabei aber nun auch nicht. Ich habe manchmal das Gefühl, dass die Ärzte dort eher was machen nach dem Motto "Hauptsache wir haben dem Patienten das Gefühl gegeben, dass wir was machen" oder anders gesagt: man setzt auf den PLACEBO-Effekt. Zumindest bei uns jungen Menschen gibt es eigentlich keinen Grund, wieso wir schon Durchblutungsstörungen haben sollten (und für was anderes ist weder Ginkgo noch die Infusionstherapie da). Ich will Dir nicht den Mut nehmen, und selbstverständlich solltest Du noch alles checken, was so geht. Aber Du solltest Dich nicht unter Druck bringen. Das verstärkt den Tinnitus eher und schürt die eigene Angst. Und wenn die Ärzte nichts finden, dann ist das relativ normal. Das geht vielen so. Nimm Dir die Tipps der Anderen an, und Du wirst relativ schnell lernen, mit dem Tinnitus umzugehen. |
| Vielen Dank Sven für Deinen Bericht.
"Es dauert (meines Erachtens) leider relativ lang, bis man sich mit dem Tinnitus einigermaßen "angefreundet" hat (bei Bekannten und mir so ca. 5 Monate)." Hoffe, dass u. a. durch Deinen Bericht die Zeit bis zum Anfreunden viel kürzer wird. Und meist reicht die neutrale Einstellung zum Tinnitus aus, um ihn besser ertragen zu können. Habe schon viele gehört, die dem Tinnitus im nachhinein dankbar sind, weil sie nur so einige anstehende (aber immer wieder verdrängte) Lebensänderungen angegangen sind. (Ich gehöre auch dazu.) Und dann wird auf einmal der Tinnitus recht zahm bis gar nicht mehr wahrnehmbar. |
| In der DTL-Liste meldeten sich übrigens noch Personen, die
Tinnitus-Betroffene kennen, deren akuter Tinnitus nicht chronisch wurde. :-))) |
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