Psychologische Behandlung

Ausschnitt aus http://home.t-online.de/home/SToennies/tinnitus3.doc:
(als PDF-Datei unter http://home.t-online.de/home/SToennies/tinnitus3.pdf)
Autoren: Sven Tönnies und Axel Schildt, 
Psychologisches Institut III der Universität Hamburg

Psychologische Behandlung: Die Behandlung von Tinnitus und Morbus Menière (sowie Hörsturz!) sollte bei schweren und chronischen Formen in einer Kombination medizinischer und psy­chologischer Therapie bestehen. Nach den wesent­lichen diagnosti­schen und medizinisch-therapeutischen Maßnahmen sollte bei Misserfolg bzw. gebliebenen Leidensdruck die Behandlung zunehmend ganzheitlich ausgerichtet werden. Dabei muss der Patient eigenver­ant­wortlich in das praktische psychologische Vorgehen einbezogen werden und lernen, Einfluss auf seine Symptomatik zu gewinnen und zu seiner Lebensqualität (zurück?!) zu finden (3, 5, 10, 11). Die Be­hauptung, es gäbe eine "Tinnitus-Persönlichkeit", die zur Ausbildung eines Tinnitus neigt, ist wissen­schaftlich nicht nachgewiesen und wäre auch durch den etikettierenden und Schuld zuweisenden Charak­ter nicht gerade nützlich für die betroffenen Menschen. Die eigenverantwortliche Einbeziehung des Betroffenen in den therapeutischen Prozess meint vielmehr, dass nicht der Therapeut den Patienten „repariert“, sondern, dass der Betroffene „Hilfe zur Selbsthilfe“ erhält (10).

Dabei versteht sich ‘Psychotherapie’ nicht ausschließlich als die Behandlung der Psyche, sondern als die Behandlung mit psychologischen Mitteln sowohl der Psyche als auch des Körpers, denn sie übt nachweisbar ebenso spezifische positive Einflüsse direkt auf physiologische Vorgänge aus. Das heißt für die Betroffenen, die eine Psychotherapie machen, dass sie zum einen mit psychischen Mitteln die Krank­heits- und Stressbewältigung er­reichen können. So ist es beispielsweise für einige wichtig zu lernen, Ablenkungsstrategien zu entwickeln, ihre Ängste und depressiven Reaktionen infolge des Auftretens der Symptomatik abzubauen oder Hintergrundprobleme/-konflikte zu lösen (3, 10, 11). Zum anderen können mit psychologischen Mitteln aber auch sehr wirksame und direkt auf das Krankheitsge­schehen bzw. das Symptom bezogene Effekte erreicht werden. Mit Entspannungsverfahren und Selbsthypnosen kann genesender Einfluss auf Durchblutung, Muskeltonus, Hyperarousal, Immun- und vermutlich auch Lymphsystem erreicht werden (6, viele praktische Anwendungen nach dem verhaltensmedizinisch-hypnotherapeutischen Behandlungskonzept des Zweitautors „Ambulantes Selbst-Management bei Tinnitus, Hörsturz und Schwindel“ können Sie hierzu 10 entnehmen). Oft wird durch die beginnenden erfolgreichen Behandlungsschritte in der Psychotherapie von den Betroffenen erstmals wieder das Gefühl der eigenen Kontrolle über sich und die Symptome erlebt. Denn sowohl die Einschätzung des Erle­bens (Grad der Belastung) als auch der Wahrnehmung (Grad der Lautheit) der Ohrgeräusche sind in starkem Ma­ße von der Psyche beeinflussbar (3). Durch Stressbewältigung und regelmäßige Entspannungsphasen außerhalb der Anfallsphasen lassen sich die zeitlichen Zwischenräume der Menière-Anfälle strecken (ähnlich wie bei Migräne) und somit ein erhöhtes Empfinden eigener Kontrollierbarkeit der Symptomatik, was eine depressive Reaktion verhindert oder abbaut (5, 8).

Weltweit haben sich bisher nur wenige Forschergruppen mit Psychotherapie beim komple­xen chronischen Tinni­tus befasst. Die auf ihre Wirksamkeit überprüften einzelnen Therapieverfah­ren, wie u.a. Pro­gressive Relaxation, Hypnose oder Biofeedback, Verhal­tenstherapie, Kogni­tive Therapie, zeigten nur be­grenzten Wert. Dagegen haben integra­tive Therapieansätze eine relativ hohe Erfolgsquote bei ca. 2/3  der Tinnitusbetroffenen (2, 3, 7, 10).

Die Patienten durchlaufen in Kliniken mit diesem integrativen Therapieansatz erst eine Tinnitus-Informationsphase und erlernen danach ein Entspannungsverfah­ren. Verhaltenstherapeutische und kognitive Therapieverfahren werden inte­griert mit emotio­nsorien­tierter The­rapie und nichtsprachlichen Verfah­ren, wie Gestaltungsthera­pie und körper­wahr­nehmungsbezogenen Übungen. Es gibt sowohl einzel- als auch gruppentherapeuti­sche Vorgehensweisen, in denen speziell auf die indivi­duellen Belange des einzelnen Patienten eingegangen wird. Das integrative Vorge­hen führt im stärkeren Maße zur dauerhaften Abnahme der Lauheit und Unannehm­lichkeit von Ohrgeräuschen und einer Steigerung der eigenen Kontrolle und Beeinflussung des Tinnitus. Auch psychische Begleit- und Folgestörungen wie De­pres­sionen und Ängste nehmen infolge der integrativen Psychotherapie merklich ab (2).

Bezüglich psychologischer Behandlung von Menschen mit Morbus Menière gibt es bislang wenig publizierte Erfahrungen und Untersuchungen. Die Einschätzung einiger fachkundiger Autoren, dass Morbus Menière als psychosomatische Erkrankung gelten müsse, die psychopathologischen Übereinstimmungen mit Migräne, beschriebene Erfolge in der gesteigerten Bewältigungsfähigkeit nach stationärer Therapie in psychosomatischen Kliniken und wenige eigene - aber positive - ambulant-psychotherapeutische Erfahrungen mit diesen Patienten weisen auf die Wichtigkeit hin, das psychologische Mitbehandlung dieser leidenden Patienten sehr sinnvoll ist (8).

Ein einmal entstandener Tinnitus oder Morbus Menière kann sich in Form eines „Teufelskreis“ selbst verstärken (8): Wirken sich die Symptome sehr belastend auf das psychische Befinden aus, so entwickeln sich hieraus Begleitstörungen wie z. B. Ängste, depressive Reaktionen, öfter auch Ein- und Durchschlafstörungen. Zudem wird dieser Stress (im Sinne belastender Gefühle) noch "gespeist" von aktuellen und chronischen Belastungen sowohl durch Alltagsstress als auch durch Hintergrundprobleme (z. B. soziale Phobien, Major Depression, Selbstwertproblematik, unverarbeitete einschneidende Lebensereignisse wie Tod eines Angehörigen, Arbeitsplatzverlust o. ä., Posttraumatische Belastungsstörung). Bei häufig auftretendem oder aber bei chronischem Stress kommt es zur körperlichen und psychischen Daueranspannung, die wiederum bei einer Organschwäche zur Überbean­spruchung dieser „Sollbruchstelle“  führt. Ebenso kann eine vegetative Hyperreagibilität bestimmter körperlicher Prozesse die jeweilige Symptomatik auslösen oder sie verstärken (z. B. Nacken- oder Kiefermuskelverspannungen führen über Reflexbahnen zu Tinnitus). Dieser "Teufelskreis" führt nicht nur in eine Richtung, sondern es ist denkbar, dass er sich gegenseitig in beide Richtungen aufschaukelt. Zudem wird in diesem Kreislauf deutlich, dass auch eine direkt die Symptomatik aus­lösende Wirkung des Stresses möglich wäre. Um aus diesem "Teufelskreis" heraus zu gelangen, muss die psychologische Behandlung für die Selbst­hilfe die Wirkungszusammenhänge bewusst machen, unterbrechen und positiv verän­dern, damit dieser sich aufschaukelnde Teufelskreislauf unterbunden wird.

Allerdings dauert es bisher durchschnittlich 8 Jahre (!), bis psychische Anteile psychosomatischer Erkrankungen erkannt werden. Die Betroffenen haben häufig eine hohe Hemmschwelle, eine psychosomatische Klinik oder einen niedergelassenen psychologischen oder ärztlichen Psychotherapeuten aufzusuchen. Dabei haben unsere Mitarbeiter und wir in einer eigenen laufenden Studie in einer HNO-Abteilung eines Hamburger Krankenhauses die Erfahrung gemacht, dass bereits während der medizinischen Akutbehandlung eine psychologische Un­terstützung als hilfreich sowohl von den Betroffenen als auch von den behandelnden Ärzten erlebt wird (8).

Die psychotherapeutischen Praxiserfahrungen zeigen, dass viele Betroffene, die sich zur psychologischen Behandlung entschlossen haben, anfangs aus­schließlich über die Symptomatik klagen und bekunden, andere Probleme gäbe es „eigentlich“ überhaupt nicht. „Wenn nur die Symptomatik nicht wäre, wäre ich der glücklichste Mensch der Welt!“ wird sehr oft geäußert. Werden in der Psychotherapie mit dem Patienten gemeinsam relevante lebensgeschichtliche und aktuelle Zusammenhänge des Erlebens und Verhaltens mit der Symptomatik herausgefunden, kann er meist aus einer neu gewonnenen Perspektive heraus auch einen gewissen Vorteil erkennen. D. h. die Symptomatik veranlasst den Betroffenen, sich (häufig erstmals!) näher mit sich selbst, den Gedanken, Gefühlen, der Biographie, dem Lebensstil und dem menschlichen Miteinander auseinanderzusetzen. Im Laufe dieses therapeutischen Prozesses wird die Symptomatik dann sehr häufig sogar rückwirkend als ein auch sinnvoller Anlass dafür betrachtet, längst bestehende Probleme oder Konflikte zu lösen, wichtige Entscheidungen zu treffen und zukünftig besser für sich zu sorgen bzw. bewusster und stressfreier zu leben. Früher oder später können die allermeisten Pati­enten diesem häufig ständigen Begleiter positive Seiten ab­gewinnen und ihn durch diese veränderte Einstellung leichter akzeptieren. Einige Betroffene sprechen am Ende einer Psychotherapie sogar von einem bewussteren und erfüllenderen Leben mit der Symptomatik als vor deren Auftreten. Die Psychologen nennen dieses Behandlungsziel „Kognitive Umstrukturierung“. Die Symptomatik ist nun nicht mehr der „große Feind“, den man „ohne Rücksicht auf Verluste bekämpfen“ will oder dem man sich „unterwerfen muss“, sondern eher eine „nützliche Alarmanlage“, die sich einerseits bei Gefahren (z. B. Überforderung, unbeachtete Probleme und Konflikte) bemerkbar macht und andererseits nach Wiedererarbeitung einer gesteigerten Lebensqualität mehr und mehr in den Hintergrund tritt (9).

Die angegebenen Literaturverweise finden Sie auf den oben angegebenen Seiten.

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