Tinnitus-Lautstärke

Über die Lautstärke des Tinnitus

Zusammenfassung aus der DTL-Liste mit freundlicher Genehmigung der Autoren:
Friedemann Örtel, Manfred Jagodzinski, ohne Namensnennung - mehr dazu

Frage:

Tinnitus-Klinik in Arolsen
Hier sagt man wohl eindeutig, dass der Tinnitus bei jedem OBJEKTIV gleich ist, nämlich so bei 20 db, alles andere sind dann subjektive Faktoren.

Wenn das so wäre, dann könnte ja jeder wohlmöglich allein durch Arbeit an sich selbst den Tinnitus auf die 20 db einschränken und er ist somit dann vielleicht erträglich ?!

 

Antwort:

Die ca. 20 dB sind richtig, es ist der objektiv messbare "Lärm", der im Bereich des Innenohrs entsteht. Man kann ihn mit einem gleichstarken Geräusch maskieren (eine Rausch-Maske "darüberstülpen"), sodass er verschwindet. Das ist / war in etwa das Konzept des Maskers / Noisers / Rauschers.

Was aber bei jedem Einzelnen durch persönlich unterschiedliche Bewertung des T. dabei herauskommt, ist extrem unterschiedlich. Es reicht von einer leicht erträglichen Belästigung bis zum Suizidversuch. Woran liegt das?

1. Physikalische Verstärkung:

Wenn das Hirn in einigen Frequenzbereichen im "Hörzentrum" wegen eines auch nur geringen Haarzellenschadens keinen vernünftigen, für das Hirn bekannten Sound hört, sondern nur dieses Rauschen, strengt es sich braverweise an, etwas zu hören, d.h. es moduliert in der Schnecke (im Innenohr) mit Hilfe der zweiten Reihe von Haarzellen dieselben so, dass im Hirn alles lauter ankommt, leider auch der Tinnitus.

Das geschieht automatisch, unbewusst. So würdest Du vergleichbar (aber bewusst) ein Radio lauter drehen, wenn Du etwas schlecht verstehst, nur ein Rauschen hörst. Wenn’s dann im Ohr durch die genannte, automatische Verstärkung zu laut wird, kann leicht eine Hyperakusis (Lärmüberempfindlichkeit) auftreten, weil ja in einem weiten
Bereich alles lauter wird.

2. "Psychische Verstärkung" / Bewertung:

Wenn das Hirn (besonders das Limbische System) vom Ohr ein unbekanntes, undefinierbares Geräusch empfängt, erfolgt sofort im Unbewussten eine Bewertung des Geräuschs. Diese Bewertung erfolgt schon, BEVOR das bewusste Denken einsetzt und das Geräusch im Hörzentrum überhaupt gedeutet und z.B. als Sprache, Musik, o. a.  verstanden wird.

Es ist also ziemlich gemein zu sagen: "Hör halt einfach weg!" (Oft auch Zitat gewisser Ärzte, die sogenannten "damit-müssen-Sie-leben-Typen"). Man KANN nicht weghören, da man diesen Bereich im Hörablauf NICHT beeinflussen KANN!

Man kann höchstens gezielt auf etwas anderes hören, dem Hirn Ablenkung anbieten (Musik, Vogelstimmen, ..)

So ein undefinierbares, vom Hirn nicht irgend einer bekannten Ursache zuordenbares Geräusch ist der Tinnitus.

Wir haben es hier mit einer Warneinrichtung aus der Urzeit zu tun: Schon ein Knacken eines Astes versetzte sinnvollerweise den Steinzeitmenschen in helle Aufruhr, es könnte ja ein gefährliches Raubtier oder ein Überfall eines anderen Stammes hinter dem Geräusch stecken. Logo war höchste Aufmerksamkeit angesagt! Angst! Alarmstimmung!

Somit wird dem Geräusch vom Unbewussten so lange eine herausragende Bedeutung gegeben, bis die Ursache ergründet bzw. beseitigt ist. (Z.B. Geräusch eines Tieres nachts in einer Ferienwohnung in der Südsee. Ist es eine Schlange? Ein Skorpion -> Panik! Wenn sich das Geräusch als harmlos herausgestellt hat, kehrt wieder innere Ruhe ein.)

Die im Unterbewussten verankerte, von uns so leicht nicht beeinflussbare "Automatik" spielt uns also einen bösen Streich. Es kommt zu unbewussten Ängsten.

Wenn einem die Harmlosigkeit des Tinni klar ist (es gibt nur selten ganz wenige, gefährliche Ursachen für den T., z. B. MS oder ein Neurinom), dann kann man daran gehen, den Patienten "umzupolen", er soll Weghören lernen, im Unterbewusstsein die Gefahrlosigkeit des T. verinnerlichen. TRT ist ja auch eine Methode des Wegtrainierens.

Das geht z.B. mit ...

  • Einige Zeit weg vom beruflichen / persönlichen Stress, Nachdenken über die persönliche Situation, eingelaufene, falsche Verhaltensweisen (Stresstyp, Verantwortungstyp) abbauen (ich muss immer toll sein, darf nicht auf mich achten, ...)
  • Atemübungen (wer auf seinen Atem achtet, kann nicht zugleich auf den T. achten)
  • Entspannungsübungen (PMR, autogenes Training, ...)
  • Wohlfühlaktivitäten (Massage u. a.)
  • Körpertrimmen (gemäßigter Sport, Wandern)
  • gesunde Ernaehrung, viel Wasser trinken
  • Beseitigung von persönlichen Problemen (Ängste, Neurosen, Depressionen vor oder durch T.) durch gute, T.-erfahrene Psychologen
  • Hörtraining (Weghören, gezieltes Hören auf andere Dinge)
  • u. v. a. mehr

Das Dumme an der Sache ist: Man kann dem Unterbewusstsein nicht so einfach sagen: "Reg Dich nicht unnötig auf, der T. ist etwas ganz Unwichtiges!", sondern man muss das Unterbewusstsein laaaangsam darauf hinbewegen, es umprogrammieren.

Wenn man das schafft, kann man auf diesem Umweg den chronischen Tinnitus
etwas "wegdenken" - zumindest über einige Zeit, bis der nächste Stressfaktor, ein Rückfall in die alten, ungesunden Verhaltensweisen o. a. einen wieder "zurückpfeift". Es geht also um ein leichteres Ertragen-Können, nicht um eine Beseitigung.

Hilfreich ist dabei, dass viele Tinnies eine ähnliche Persönlichkeitsstruktur haben (Typ A) und man da ansetzen kann.

Aber: Das Unterbewusstsein bzw. seinen Verhaltensstrukturen umzuprogrammieren ist eine sehr, sehr langwierige Angelegenheit.

Zurück zu Deiner Frage: Man kann zwar die 20 dB Tinnigeräusch nicht abschalten, aber man kann versuchen, das Hochdrehen, unbewusste Überbewerten des Tinnitus, welches ihn so lästig werden lässt, abzutrainieren. Und das ist doch schon was, oder?
Schenken wir ihm weniger Aufmerksamkeit.

Eine Heilung für den langjährigen, chronischen Tinnitus gibt es leider nicht.

Dabei sollte man daran denken, dass der T. ja nur ein SYMPTOM für eine Überlastung, eine sinnvolle Automatik der Natur ist, KEINE KRANKHEIT. Der überlastete Körper bremst uns aus. Erst die Folgen (Depressionen, Schlaflosigkeit, Konzentrationsstörungen ...) können  dann behandlungsbedürftige Krankheiten sein.

In diesem Sinne: Lernen wir weghören!
Das wäre dann wohl die von Dir angesprochene Arbeit an sich selbst.

 

Antwort:

Hierzu gehört als Ergänzung zu Friedemanns Ausflug in die Urzeit das Buch Biologie der Angst, wie aus Stress Gefühle werden von dem Hirnforscher Gerald Hüther aus der Sammlung Vandenhoeck.

Hier wird in sehr verständlicher Form geschildert, wie Programme im Hirn Probleme, wie bei uns z.B. der Tinnitus, nicht mehr bewältigen können. Bei andauernden unkontrollierten Stresssituationen führt das zu einer Destabilisierung bis hin zu einer völligen Dekompensation und dem Endigen des Individuums.

Unser Gehirn löscht dann automatisch das untaugliche Programm und nun ist es an uns, sofern wir nicht vom Balkon gesprungen sind, ein neues Programm mit kontrollierten Stresssituationen aufzubauen, was automatisch geschieht und mit dem Bewältigen neuer Herausforderungen wird das Programm gestärkt und immer besser.

An einer Stelle wird auch gesagt wie schlecht es ist, wenn ein Mensch ein Leben lang immer Erfolg hatte. Dieses Programm ist völlig untauglich Misserfolge zu bewältigen...

Für die Hardcore-Wissensfreaks sei zu dem Buch gesagt, dass neben dem verständlich und unterhaltsam geschriebenem Text kleingedruckt die wissenschaftlichen Erklärungen geliefert werden.

 

Antwort:

> Hier sagt man wohl eindeutig, dass der Tinnitus bei jedem
> OBJEKTIV gleich ist, nämlich so bei 20 db,...

Die Lautheit des objektiven Tinnitus kann zwischen 0 dB und größer 16 dB liegen.

Diese dB-Zahl bezieht sich immer auf die individuelle Wahrnehmungsschwelle im Frequenzbereich des Tinnitus, Beispiel:

Wahrnehmungsschwelle im Frequenzbereich um 8000 Hz:  65 dB

absolute Lautheit eines 8000 Hz-Tinnitus:  75 dB

==> objektiver Tinnitus:    75 dB - 65 dB = 10 dB

> ... alles andere sind dann subjektive Faktoren.

Richtig, der eine kann mit (objektiven) 20 dB recht passabel
leben, den anderen beeinträchtigen (objektive) 3 dB bereits
ganz erheblich.

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