Ein Leben mit Tinnitus?

Ein Erfahrungsbericht

In den letzten Jahren hatten sich bei mir die beruflichen Anforderungen geändert. Arbeitstage mit bis zu 11 Stunden waren keine Seltenheit, abends war ich nicht selten müde und abgeschlagen. Private Interessen wurden von mir in den Hintergrund gestellt. 

Vor ca. zwei Jahren bekam ich plötzlich heftige Ohrenschmerzen, die sich als Mittelohrentzündung herausstellten. Nach einem kurzen Arztbesuch und Einnahme von Medikamenten (Gingkopräparat) habe ich mich auch gleich wieder in die Arbeit gestürzt. Plötzlich nahm ich im rechten Ohr ein Pfeifen wahr. Es war zwar störend, aber zum Arzt bin ich deshalb noch nicht gegangen. Erst auf dringendes Anraten meiner Frau bin ich nach Tagen zum HNO-Arzt gegangen. Das Pfeifen war inzwischen stärker geworden und auch auf das linke Ohr übergegangen. Ich hatte auch das Gefühl, schlechter zu hören.

Der HNO-Arzt diagnostizierte Tinnitus und verschrieb mir ambulante Infusionen. Krankgeschrieben war ich nicht. Die Infusionen wurden in einem Zeitraum von jeweils einer halben bis einer Stunde gegeben. Wie ich mittlerweile gelesen habe, ist dieser Zeitraum zu kurz. Nach den fünf Infusionen war das Geräusch noch immer präsent. Ich bekam Gingko-Präparate verschrieben. Weiter wurde mir eine HBO-Behandlung empfohlen. Mit der Krankenkasse habe ich Kontakt wegen der Kostenübernahme aufgenommen. Die Entscheidung kam allerdings recht schleppend und auch nur mündlich an. Ich bin dennoch zur Therapie gegangen, konnte sie aber wegen starker Stirnkopfschmerzen nicht weiterführen.

Es wurde bei der folgenden Untersuchung eine chronische Stirnhöhlenvereiterung festgestellt. Der Tinnitus war unverändert. Der HNO-Arzt meinte: "Damit müssen Sie jetzt eben leben !"

Dieser Satz hat mich sehr verärgert zumal ich über Tinnitus nichts wusste. Über das Internet habe ich mir daraufhin Informationen besorgt und für mich beschlossen, dass ich Hilfe in einer Kurklinik suchen werde. 

Ebenfalls über das Internet habe ich eine Reihe von Klinken gefunden und mir eine Liste zusammengestellt. 

Mein Leben wurde immer unerträglicher und mein Umfeld, Familie und Arbeitskollegen hatten unter meinen Launen leiden. Hinzu kam ein sozialer Rückzug, zu nichts hatte ich mehr Lust. Abends ging ich quasi mit den Hühnern schlafen und nachts gegen zwei Uhr war ich wach und konzentrierte mich auf den Tinnitus, gegen morgen schlief ich dann erschöpft wieder ein und war beim Aufstehen wie gerädert.

Der Teufelskreis begann sich immer schneller zu drehen.

Mit den Tinnitusinformationen ging ich zu meiner Krankenkasse und erkundigte mich nach den Möglichkeiten eines Klinikaufenthaltes. Dort war man sehr hilfsbereit und unterstützte mich im Antragsverfahren einer Rehamaßnahme durch die BFA. Mein Hausarzt unterstützte mich durch seine Stellungnahme. Nach ca. sechs Wochen war die Rehamaßnahme durch die BFA bewilligt, sogar in meiner Wunschklinik!

Dies gab mir etwas Auftrieb und Zuversicht, große Hoffnungen setzte ich auf den Aufenthalt. Um so enttäuschter war ich, als ich von der Klinik mitgeteilt bekam, dass mit ca. einem halben Jahr Wartezeit zu rechnen sei. Allerdings wurden mir einige hilfreiche Tipps für die Wartezeit gegeben, u. a. auch Literaturempfehlungen.

Diese Bücher habe ich mir auch besorgt und durchgearbeitet. Persönlich hat mich der Aufbau und die Gliederung bei Zittlau mehr angesprochen. Inhaltlich nehmen sich die Bücher nicht. Nach meinem Klinikaufenthalt habe ich beide Bücher nochmals gelesen. Mit diesem Abstand habe ich mich bei Tönnies sehr häufig wiedergefunden, sehr viel ist deckungsgleich.

Vor meinem Klinikaufenthalt habe ich einen Kurs Autogenes Training bei der VHS belegt. Diese Form der Entspannung hat mir sehr geholfen. Im Laufe der Wochen konnte ich immer besser entspannen und den Tinnitus nahezu verdrängen. Er rückte zunehmend in den Hintergrund.

Weiter habe ich mit Musik experimentiert und meine persönliche "Entspannungsmusik" gefunden. Es muss nicht unbedingt spezielle Entspannungsmusik sein, wichtig für mich ist, dass sie in meine Stimmung passt. Ein wichtiger Hinweis: Die Musik immer etwas leiser als das wahrgenommene Geräusch einpegeln und versuchen, die Lautstärke nach und nach herunter zu regeln.

In manchen Momenten habe ich gedacht, den Klinikaufenthalt nicht mehr zu benötigen. Als ich dann endlich dort war, habe ich doch schnell gemerkt, dass ich doch erst am Anfang der Tinnitusbewältigung stand.

Endlich kam die Nachricht von der Kurklinik. Mit großer Freude und Zuversicht bin ich Anfang Juni dorthin gefahren.

Die ersten Tage waren nahezu ohne Therapie und Programm. Ziel war es, dass ich zunächst zur Ruhe komme und den Alltag abschalte. Nach ca. fünf Tagen begann die Therapie mit:

  • Einzelgesprächen
  • Tinnitusbewältigungstherapie
  • Entspannungstraining
  • Sport, Gymnastik unterschiedlicher Art
  • Bewegungstherapie
  • Biofeedback

Mir haben die Gruppengespräche und Tinnitusinformationen den Schrecken und die Befürchtungen genommen. Endlich konnte ich nachts wieder durchschlafen. Ich habe gelernt zu schlafen. So komisch es sich liest, es ist tatsächlich so. Seit der Zeit gehe ich nur dann schlafen, wenn ich wirklich müde bin, das kann auch erst sehr früh am Morgen, so gegen 2.00 Uhr sein. Dennoch bin ich regelmäßig zur selben Zeit wach und frisch. Mein Schlafpensum liegt jetzt zwischen 4-6 Stunden täglich. Sollte ich nach der Arbeit abgespannt sein, entspanne ich mit Progressiver Muskelentspannung oder höre angenehme Musik. Im Anschluss bin ich wieder fit.

In der Tinnitusbewältigungstherapie lernte ich das Phasenmodell der Tinnitusbewältigung kennen.

 

Akute Phase

Beeinträchtigungs-
phase

Bewältigungs-
phase
Akzeptanz
Abwehr Belastung

Hilfreiche Gedanken und hilfreiches Verhalten

Selbst-
bewusstsein

Verleugnen

Bagatellisieren

Extreme
   Beschäftigung 
   mit anderen 
   Dingen

Depression

Gereiztheit

Angstzustände

Muskelver-
   spannung

Schlafstörungen

Informations-
   suche

Aufmerksamkeit
   umlenken

Pflege von 
   sozialen 
   Kontakten und
   Hobbys

Erlernen von 
   Entspannung

 

Zuversicht

Emotionale
   Gelassenheit

Positive Ein-
   schätzung
   eigener   
   Bewältigungs-
   möglich-
   keiten

 

In Gruppengesprächen haben wir von unserem Tinnitus berichtet. Durch die Gruppe wurde jeder in das Phasenmodell eingestuft. Dies war hilfreich, um zu der eigenen Einschätzung eine Rückmeldung von anderen zu erhalten.

Sehr wichtig für den Erfolg ist die Akzeptanz des Tinnitus und die Erkenntnis und Erfahrung, dass er nicht immer wahrzunehmen ist. Dies ist mir nach ca. drei Wochen gelungen, nachdem ich erkannt habe, der Tinnitus ist nicht mein Problem, mein Problem ist etwas anderes. Anschließend konnte ich wesentlich gelassener mit den Geräuschen umgehen und zeitweise sogar nicht wahrnehmen. Eine weitere positiver Erfahrung zu wissen, der Tinnitus ist nicht ständig präsent und wenn, dann geht er auch wieder.

Wichtig waren mir Gespräche mit anderen Tinnituspatienten. Der ständige Austausch war sehr hilfreich die eigene Situation zu beurteilen und einzuschätzen. 

Meine anfängliche Geräuschempfindlichkeit ging auch nach und nach zurück. Laute Geräusche wie Flugzeuglärm oder Presslufthammer stören mich nicht mehr. Vor dem Klinikaufenthalt hatte ich meine Ohren zu sehr geschont und mich zu sehr auf den Lärm konzentriert.

Schnell gingen sechs Wochen vorüber. Im Anschluss habe ich noch zwei Wochen Urlaub genommen, um nicht gleich wieder in den alten Trott zu verfallen.

Seitdem ist ein halbes Jahr vergangen. Der Tinnitus ist hält sich überwiegend im Hintergrund. Wenn ich ihn wahrnehme, sehe ich dies als Warnsignal und nehme mich wieder zurück. Entspannungsübungen sind nahezu täglich angesagt. Mit Gelassenheit und innerer Balance komme ich so mit dem Tinnitus sehr gut aus.

Zusammenfassend kann ich für mich feststellen: Den Tinnitus habe ich nur allein bewältigen können. Wichtig waren dazu allerdings die Therapeuten, die mir auf diesem Weg geholfen haben, gehen musste ich ihn selbst. Medikamente, wie sie häufig von Betroffenen angemahnt werden, können aus meiner Sicht höchstens unterstützend wirken, niemals den Tinnitus heilen.

Was ich mir wünsche ist, dass mehr Aufklärung über den Tinnitus erfolgt. So ist mein Bericht vielleicht ein Teil davon.

Uwe

Februar 2002

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Vielen Dank Uwe für Deinen Bericht.

"der Tinnitus ist nicht mein Problem, mein Problem ist etwas anderes." Das ist m. E. bei vielen der Fall, jedoch geben sie es nicht einmal vor sich selber zu - weil es ihnen auch meistens gar nicht bewusst ist.

 

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