Tinnitus - was nun?

E-Mail-Antwort vom 30.3.2002 auf eine Anfrage eines "T.-Neulings":

Hallo ...,

wenn Du den Eindruck hast, dass der Arzt Dich nicht ernstnimmt (du sprichst von "abspeisen"), solltest Du ihn wechseln.

Es ist bei Tinnitus leider so, dass es kein einziges Medikament und keine Therapie gibt, die mit Sicherheit wirkt. Das ist ja die Erwartung, die man sonst an einen Arztbesuch knüpft: Ich gehe zum Zahnarzt, und danach tut der Zahn nicht mehr weh und ich kann wieder gut kauen.

Es ist jedoch auch so, dass Tinnitus häufig von selbst verschwindet (was ich Dir natürlich von Herzen wünsche).

Beim Tinnitus sind im mehrere Linderungsansätze zu unterscheiden, und der Ablauf sollte meines Erachtens so aussehen:

  1. An erster Stelle steht eine ausführliche Diagnose. Diese Diagnose dient verschiedenen Zwecken
    * damit der Patient seine Krankheit besser versteht und begreift, dass Tinnitus nicht tödlich ist
    * der Dokumentation der Erkrankung, die Frage, wie lange der Tinnitus schon existiert, der Suche nach anderen Hörstörungen
    * dem Ausschluss anderer leichter oder schwerer Krankheiten, die im Zusammenhang mit Tinnitus stehen können (z. B. Tumor am Gehörnerv, Multiple Sklerose, Autoimmunerkrankungen, Mittelohrentzündung, Pfropf im Ohr, Probleme und Verspannungen an der Halswirbelsäule)

    Ich habe Dir jetzt zwei schwerere Krankheiten genannt, die mit Tinnitus zusammen vorkommen können. Beide sind selten und ich denke, bei Dir liegen Sie nicht vor. Einen Tumor am Gehörnerv würde ich als einseitigen Tinnitus vermuten, und multiple Sklerose macht sich meist schon anders bemerkbar, ehe ein Tinnitus hinzukommt.

    Weiterhin sollte bei der Untersuchung ein ausführliches Gespräch stattfinden. Es dient u. a. der Suche nach anderen Auslösern oder Verstärkern des Tinnitus.
    Das könnten sein:
    * Stress
    * tinnitusauslösende Medikamente (Aspirin in höchsten Dosen, Gentamicin u. ä). Gentamicin ist ein Antibiotikum, das häufig in Hautsalben vorkommt. Es ist hier m. E. unschädlich, da es das Innenohr nicht erreicht.
    ...
  2. Eine medikamentöse Behandlung: Hierbei versucht man, die Ursache des Tinnitus zu beheben. In manchen Fällen entsteht Tinnitus aufgrund von Durchblutungsstörungen. Hierzu wird manchmal Ginkgo verwendet, ich würde es jedoch in Verbindung mit einer Infusionstherapie versuchen oder auch nur durch die Infusionstherapie (ohne Ginkgo).

    In der Infusionstherapie können drin sein:
    - gefäßweitende Stoffe (Trental ist häufig)
    - Cortison
    - oder andere Stoffe

    In Tablettenform werden häufig gegeben:
    - Dusodril oder Trental (zur Gefäßweitung)
    - Cortison (übliche Dosierung: Prednisolon 80, 60, 40, 20 mg für eine
    viertägige Behandlung - oder 40, 40, 35, 35, 30, 25, 20, 15, 10 mg für eine neuntägige Behandlung. Jede Zahl steht für einen Tag, Einnahme morgens vor dem Frühstück.)

    Zu den Medikamenten zähle ich auch die Sauerstoffüberdruckbehandlung (es gibt übrigens auch eine Unterdruckbehandlung ohne erhöhten Sauerstoffgehalt). Sie ist teuer, und sie ist umstritten und sie wird von den Kassen nicht standardmäßig bezahlt.

    Zu den Medikamenten allgemein ist folgendes zu sagen: In vielen Fällen helfen sie alle nichts. Das hat etwas damit zu tun, dass der Tinnitus sich von seiner Ursache - beispielsweise einer Schädigung des Innenohres - ablösen kann.
    Dann ist eine Tinnitus-Retraining-Therapie sinnvoll. Diese wird ambulant oder stationär durchgeführt.
    ...
  3. Eine auch auf die Psyche konzentrierte Behandlung
    (Tinnitus-Retraining-Therapie).

    Hier lernst Du, den Tinnitus aus dem Zentrum Deines bewussten Denkens herauszufiltern bzw. ihn als "ungefährlich" wahrzunehmen.

    Es ist ja so, dass Du ohnehin den ganzen Tag mit Geräuschen konfrontiert wirst: dem Zwitschern der Vögel, dem Klappern einer Tür, dem Röcheln der Kaffeemaschine usw. All diese Geräusche empfindest Du nicht als schlimm, wenn Deine Psyche ausgeglichen ist.

    Der Tinnitus kommt von innen aus Dir selbst und das schlimme daran ist weniger der Ton, als Deine Erkenntnis, dass Du ihn nicht abstellen kannst wie das Röcheln der Kaffeemaschine. Es gibt Untersuchungen, wo Patienten mit einseitigem Tinnitus auf dem anderen Ohr einen ähnlich klingenden Ton so einstellen sollten, dass er genauso laut ist, wie der Tinnitus. Bei solchen Untersuchungen ergibt sich, dass der Tinnituston lächerlich leise ist.

    Trotzdem wird er als unterschiedlich laut (von Säuseln des Windes bis Start einer Düsenjetmaschine) empfunden und entsprechend hoch ist der Leidensdruck.

    Die Tinnitusverdrängung hat meines Erachtens nach nichts mit dem Verdrängen von schlimmen Kindheitserinnerungen zu tun, sondern soll Dir helfen, die Dinge in den Vordergrund des Bewusstseins zu bringen, die dort eher sein sollten als der Tinnitus.

Soweit ein kleiner Abriss zu Tinnitus. 

...

wünsche Dir gute Besserung. :-)

Gruss,
Michael

nach oben

Danke Michael für die Veröffentlichungsgenehmigung.

Anmerkung von mir zu 3.:
Beginnen Sie gleich heute mit der eigenen Retraining-Therapie. Lenken Sie Ihr Aufmerksamkeit weg vom Ohrgeräusch. Tipps hierzu finden Sie auf u. a. unter dem Link Ablenkung.

Infos zu Infusionen und HBO finden Sie hier.

 

zurück