| Hallo ...,
wenn Du den Eindruck hast, dass der Arzt Dich nicht ernstnimmt (du sprichst
von "abspeisen"), solltest Du ihn wechseln.
Es ist bei Tinnitus leider so, dass es kein einziges Medikament und keine
Therapie gibt, die mit Sicherheit wirkt. Das ist ja die Erwartung, die man
sonst an einen Arztbesuch knüpft: Ich gehe zum Zahnarzt, und danach tut der
Zahn nicht mehr weh und ich kann wieder gut kauen.
Es ist jedoch auch so, dass Tinnitus häufig von selbst verschwindet (was ich
Dir natürlich von Herzen wünsche).
Beim Tinnitus sind im mehrere Linderungsansätze zu unterscheiden, und der Ablauf sollte meines Erachtens so aussehen:
- An erster Stelle steht eine ausführliche Diagnose. Diese Diagnose dient
verschiedenen Zwecken
* damit der Patient seine Krankheit besser versteht und begreift, dass
Tinnitus nicht tödlich ist
* der Dokumentation der Erkrankung, die Frage, wie lange der Tinnitus schon
existiert, der Suche nach anderen Hörstörungen
* dem Ausschluss anderer leichter oder schwerer Krankheiten, die im Zusammenhang mit Tinnitus stehen
können (z. B. Tumor am Gehörnerv, Multiple Sklerose, Autoimmunerkrankungen,
Mittelohrentzündung, Pfropf im Ohr, Probleme und Verspannungen an der
Halswirbelsäule)
Ich habe Dir jetzt zwei schwerere Krankheiten genannt, die mit Tinnitus
zusammen vorkommen können. Beide sind selten und ich denke, bei Dir liegen
Sie nicht vor. Einen Tumor am Gehörnerv würde ich als einseitigen Tinnitus
vermuten, und multiple Sklerose macht sich meist schon anders bemerkbar, ehe
ein Tinnitus hinzukommt.
Weiterhin sollte bei der Untersuchung ein ausführliches Gespräch stattfinden. Es dient u. a. der Suche nach anderen
Auslösern oder Verstärkern des Tinnitus.
Das könnten sein:
* Stress
* tinnitusauslösende Medikamente (Aspirin in höchsten Dosen, Gentamicin u.
ä). Gentamicin ist ein Antibiotikum, das häufig in Hautsalben vorkommt. Es
ist hier m. E. unschädlich, da es das Innenohr nicht erreicht.
...
- Eine medikamentöse Behandlung: Hierbei versucht man, die Ursache des
Tinnitus zu beheben. In manchen Fällen entsteht Tinnitus aufgrund von
Durchblutungsstörungen. Hierzu wird manchmal Ginkgo verwendet, ich würde
es jedoch in Verbindung mit einer Infusionstherapie versuchen oder auch nur
durch die Infusionstherapie (ohne Ginkgo).
In der Infusionstherapie können drin sein:
- gefäßweitende Stoffe (Trental ist häufig)
- Cortison
- oder andere Stoffe
In Tablettenform werden häufig gegeben:
- Dusodril oder Trental (zur Gefäßweitung)
- Cortison (übliche Dosierung: Prednisolon 80, 60, 40, 20 mg für eine
viertägige Behandlung - oder 40, 40, 35, 35, 30, 25, 20, 15, 10 mg für eine
neuntägige Behandlung. Jede Zahl steht für einen Tag, Einnahme morgens vor
dem Frühstück.)
Zu den Medikamenten zähle ich auch die Sauerstoffüberdruckbehandlung
(es gibt übrigens auch eine Unterdruckbehandlung ohne erhöhten Sauerstoffgehalt). Sie ist teuer, und sie ist umstritten und sie wird von den
Kassen nicht standardmäßig bezahlt.
Zu den Medikamenten allgemein ist folgendes zu sagen: In vielen Fällen
helfen sie alle nichts. Das hat etwas damit zu tun, dass der Tinnitus sich
von seiner Ursache - beispielsweise einer Schädigung des Innenohres -
ablösen kann.
Dann ist eine Tinnitus-Retraining-Therapie sinnvoll. Diese wird ambulant oder
stationär durchgeführt.
...
- Eine auch auf die Psyche konzentrierte Behandlung
(Tinnitus-Retraining-Therapie).
Hier lernst Du, den Tinnitus aus dem Zentrum Deines bewussten Denkens
herauszufiltern bzw. ihn als "ungefährlich" wahrzunehmen.
Es ist ja so, dass Du ohnehin den ganzen Tag mit Geräuschen konfrontiert
wirst: dem Zwitschern der Vögel, dem Klappern einer Tür, dem Röcheln
der Kaffeemaschine usw. All diese Geräusche empfindest Du nicht als schlimm,
wenn Deine Psyche ausgeglichen ist.
Der Tinnitus kommt von innen aus Dir selbst und das schlimme daran ist
weniger der Ton, als Deine Erkenntnis, dass Du ihn nicht abstellen kannst wie
das Röcheln der Kaffeemaschine. Es gibt Untersuchungen, wo Patienten mit
einseitigem Tinnitus auf dem anderen Ohr einen ähnlich klingenden Ton so
einstellen sollten, dass er genauso laut ist, wie der Tinnitus. Bei solchen
Untersuchungen ergibt sich, dass der Tinnituston lächerlich leise ist.
Trotzdem wird er als unterschiedlich laut (von Säuseln des Windes bis Start
einer Düsenjetmaschine) empfunden und entsprechend hoch ist der Leidensdruck.
Die Tinnitusverdrängung hat meines Erachtens nach nichts mit dem Verdrängen
von schlimmen Kindheitserinnerungen zu tun, sondern soll Dir helfen, die
Dinge in den Vordergrund des Bewusstseins zu bringen, die dort eher sein
sollten als der Tinnitus.
Soweit ein kleiner Abriss zu Tinnitus.
...
wünsche Dir gute Besserung. :-)
Gruss,
Michael
Danke Michael für die Veröffentlichungsgenehmigung.
Anmerkung von mir zu 3.:
Beginnen Sie gleich heute mit der eigenen Retraining-Therapie. Lenken
Sie Ihr Aufmerksamkeit weg vom Ohrgeräusch. Tipps hierzu finden Sie auf
u. a. unter dem Link Ablenkung. Infos
zu Infusionen und HBO finden Sie hier.
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